Rundgang

Spaziergang durch den Bad Vilbeler Stadtteil Massenheim
- von Otto Gleichmann
bearbeitet und ergänzt von Christine Schmidt und Brigitte Boos
Der Bad Vilbeler Stadtteil Massenheim war bis 1972 selbständig. Er hat seinen Namen nach dem fränkischen Dorfältesten Massow-Heim des Massow und feierte im Jahre 1975 sein 1200jähriges Bestehen.
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war Massenheim ein reines Bauerndorf. Erst ab dann siedelten sich Handwerker und Gewerbetreibende an. Besonders die Leineweber waren stark vertreten und Mitte des vorigen Jahrhunderts standen noch 23 Webstühle im Ort. Massenheimer Tuche und Stoffe wurden in Holland, dem Elsaß und besonders in Frankreich verkauft. Die Arbeit am letzten Webstuhl wurde 1910 eingestellt.

Heute ist Massenheim ein Ort, den alle Bevölkerungsschichten bewohnen und von denen die meisten ihrer Arbeit im nahen Rhein-Main-Gebiet nachgehen. Nur noch vier Familien betreiben Landwirtschaft.

In der Mitte des Ortes steht die evangelische Kirche. Erste Erwähnung mit Marienaltar schon 1298, im 30jährigen Krieg zerstört, unter Pfarrer Roth wieder aufgebaut und 1695 eingeweiht. Hieran erinnert eine steinerne Tafel mit Inschrift: "Nicolaus Roth, jetziger Pfarrer dieser Kirche ae1695". Eine weitere eingemeißelte Jahreszahl "1628" ist an der Ostwand zu finden. 1863 wurde eine Empore, 1869 eine Orgel eingebaut. Das Innere der Kirche war ursprünglich im streng reformierten, schlichten Stil gestaltet. Erst im Jahre 1934 wurde durch den hessischen Kirchenmaler Velten das Innere der Kirche ausgemalt. Um die Kirche lag früher der Friedhof. Er wurde 1856 auf der anderen Seite des Erlenbachs neu angelegt. Ein Ehrenmal zum Gedenken der Gefallenen des ersten Weltkriegs wurde 1922 neben der Kirche errichtet.

Neben der Kirche steht das schönste Fachwerkhaus Massenheims, die alte Schule mit Scheune und dem Hirtenhaus. Es wurde bis 1965 als zweites Schulhaus und bis zur Eingemeindung 1972 als Rathaus verwendet. Eine Inschrift auf dem Balken der Scheune datiert die Zahl 1731. Im Parterre dieses Hauses befindet sich heute das Massenheimer Heimatmuseum. Auf Schautafeln ist die Entwicklung des Ortes zu sehen. Eine große Vitrine zeigt die Arbeiten der Leinenweberei. In einem Raum zeigt das Museum Gegenstände einer Schusterei, einer Hausschlachtung und Schmiedewerkzeuge. In einem anderen Raum werden die Themen Auswanderung, Schule, Feuerwehr, Kirchen und Handarbeiten mit den entsprechenden Exponaten dargestellt.

Das nächste Gebäude unterhalb, das Haus der Familie Ludwig Apfel, ist mit einem schönen Wappen und einem Hauswappenstein von 1680 verziert. Der Überlieferung nach soll dort der erste Schulunterricht stattgefunden haben.

Gegenüber steht das ehemals May'sche Anwesen. Die heutigen Besitzer, Familie Ahrens, haben Stallungen und die Scheune mustergültig renoviert und damit dem angrenzenden Massenheimer Dorfplatz, der nach Hermann Freisleben benannt ist, einen schönen Rahmen gegeben. Dort stand früher ein Anwesen mit der Massenheimer Dorfschmiede. Nach dem Tod der letzten Besitzer riß man das Gebäude ab und legte den Dorfplatz an, der sich besonders für kulturelle Zwecke wie Jazz , Feste und Weihnachtsmarkt anbietet. Ein schöner Sandsteinbrunnen mit einer Bronze-Gänsegruppe daneben, von der Massenheimer Künstlerin Maria Wiechers entworfen, und durch Spenden Massenheimer Bürger ermöglicht, ist die Zierde des Platzes. Der frühere Ortsvorsteher Hermann Freisleben setzte sich sehr für die Herrichtung und Gestaltung dieses Platzes ein. Er war in den 50iger Jahren aus dem Sudetenland gekommen, hatte das alte Hinkel'sche Anwesen gekauft und dort einen Schlosserbetrieb aufgebaut. Die Wandmalerei auf der Fassade dieses Hauses zeigt ihn mit seinen Söhnen Walter und Stefan bei der Arbeit. In ca. 800 Stunden hat der dritte Sohn Dr. Bernd Freisleben mit Helfern diese typische Szene aus dem Schlosseralltag aufgemalt

Beim Weitergehen kommt man an den Erlenbach. Er entspringt im Taunus in der Nähe des Sandplacken und mündet nach 26 km bei Bad Vilbel in die Nidda. Den Erlenbach abwärts ist die Untermühle zu sehen. Sie hatte ein unterschlächtiges Mühlrad und wurde im 30jährigen Krieg zerstört und 1688 wieder aufgebaut. Der Mühlenbetrieb wurde 1895 eingestellt. Aufwärts sehen wir den naturnah umgestalteten Erlenbach.

Vor dem Massenheimer Friedhof, seit 1856 an dieser Stelle angelegt, stehen zwei Linden, die an den deutsch-französischen Friedensschluß 1870/71 erinnern sollen.

Hinter dem Friedhof befindet sich die katholische Herz-Jesu-Kirche. Sie wurde in den Jahren 1968/70 größtenteils in Selbsthilfe erbaut. Der Hauptinitiator war wieder Hermann Freisleben, der es dann sogar erreichte, dass zu der Kirche ein Glockenturm und ein Gemeindesaal gebaut wurden. Zu rühmen ist die Akustik in der Kirche und sehenswert das Glasmosaikfenster, das Jesus mit seinen Jüngern beim Abendmahl zeigt.

Beim Gang den Erlenbach aufwärts kommen wir zum heutigen Römerbrunnen. Ob die Römer wirklich ihr Trinkwasser dort schöpften, ist nicht erwiesen. Doch seit dem 17. Jahrhundert holten die Massenheimer ihr Trinkwasser dort. 1771 erhielt auch die Gemeinde Nieder-Erlenbach die Erlaubnis, Wasser zu holen. Sie musste hierfür jährlich drei Gulden an die Massenheimer Gemeindekasse entrichten. Nach der Eingemeindung zu Bad Vilbel 1972 wurde der Brunnen unter Anleitung von H. Hieronymi neu hergerichtet und mit einem Dach versehen. Trinkwasser gibt es heute aus einer Wasserpipeline der Firma Hassia. Das Römerbrunnenwasser selbst entspricht heute nicht mehr der strengen Trinkwasserverordnung.

Beim Gang zurück und dann über die neue Erlenbachbrücke kommt man zum neuen Kindergarten. Er wurde von der evangelischen Kirche unter Mithilfe der Stadt Bad Vilbel von 1995-97 gebaut. Gegenüber steht die ehemalige Obermühle. Sie wurde bereits vor dem 30jährigen Krieg erwähnt. Das Anwesen mit dem repräsentativen Herrenhaus gehört jedoch dem Baustil nach in die Mitte des 18. Jahrhunderts und ist im Besitz der Familie Peters, die die Mühle bis 1928 betrieb. Das oberschlächtige Mühlrad wurde Anfang der 30iger Jahre entfernt. Den Wasserlauf gab es noch bis 1965. Dann wurde leider der gesamte Mühlgraben zugeschüttet. Nur ein paar Büsche und Sträucher zeigen noch den Verlauf des idyllischen Mühlbaches.
Breitestraße und Kirchstraße waren der alte Ortskern. Er besteht zum größten Teil aus Fachwerkhäusern, die in der Zeit nach dem 30jährigen Krieg gebaut oder wieder aufgebaut wurden. Leider hat man die Fachwerke fast überall verputzt. So ist das Haus Breitestraße 7 ein in sich längsgeteiltes Fachwerkhaus aus dem Jahre 1662, das von den zwei Brüdern Hinkel errichtet wurde. Das Haus Breitestraße 20 der Familie Weyland, das seit 1820 bis 1974 als Gasthaus genutzt wurde, gehört ebenfalls zu den ältesten Häusern. Es wurde 1995 mustergültig renoviert.

Ferner sei noch auf die Massenheimer Ziegelei hingewiesen. Der erste Ringofen für Mauersteinbrand wurde von Julius Peters 1898 erbaut. Dessen Sohn Hans Peters, der später Bürgermeister von Massenheim war, führte die Ziegelei dann als Geschäftsführer weiter. 1936 erwarb die Firma Tonwerk Fritz Strauch den Betrieb und verbesserte ihn ständig. Der alte Ringofen wurde 1973 abgerissen. Ein neuer moderner Tunnelofen mit elektronischer, vollautomatischer Steuerung wurde errichtet und mit einem 60 m hohen Schornstein versehen. Dieser ist als Massenheimer Wahrzeichen schon von weitem zu sehen. Die Geschichte der Massenheimer Ziegelei ist im neu gestalteten Raum des Heimatmuseums ausführlich dargestellt.

Neue Wohngebiete haben sich etabliert, so ab 1951 Am Weinberg, Am Weißen Stein usw, entlang des Erlenbaches die Gebiete An der Bleiche, Am Römerbrunnen, Häuser am Harheimer Weg wurden gebaut und bei der Ziegelei das Gebiet Am Weingarten. Gewerbebetriebe und Wohnhäuser entstehen Am Stock und im Quellenpark.